DIE GEWINNER DES VIDEOFILMEN AWARD 2016

Thema: Magische Alltagsmomente

Wir hatten im vergangenen Jahr ein weiteres Mal einen Filmwettbewerb ausgerufen, den videofilmen-Award. Als Fachzeitschrift für engagierte Filmer, das filmpraxisnahe Themen in den Mittelpunkt des journalistischen Angebots stellt, sollte der Award als Gradmesser für unsere Arbeit fungieren. Sie waren aufgerufen, einen Kurzfilm zum Thema „Magische Alltagsmomente“ zu drehen. Er sollte eine Länge von mindestens 1:30 Minuten und maximal 10 Minuten haben. Es gab quasi keine limitierenden Formatvorgaben; die bestmögliche Bildqualität sollte das Ziel sein. Egal ob Thriller, Komödie oder Melodram, das Genre war zweitrangig. Vielmehr waren die Filmidee und deren Umsetzung entscheidend. Abgabeschluss war der 31.12.2016.

Die Bewertung lag in den Händen der Redaktion. Im Gegensatz zum vergangenen Jahr gab es weder eine Anwender-Wertung noch eine Beschränkung bei der Verwendung von Software. Wir haben uns auf fünf Bewertungskriterien geeinigt. Neben dem Gesamteindruck (Bester Film) ging es um eine möglichst originelle Filmidee respektive Drehbuch (Beste Filmidee), eine gute Kameraführung (Beste Kameraführung), den Schnitt, das Compositing und die Farbkorrektur (Beste Nachbearbeitung) 

sowie schließlich um die Filmmusik respektive die Tonbearbeitung (Bester Ton). Bei den Preisen haben wir versucht, eine materielle und eine didaktische Komponente miteinander zu verbinden. Außerdem erhält jeder eingereichte Beitrag eine Laudatio respektive Filmkritik.

Auswertung videofilmen-Award

Insgesamt wurden 18 Filme eingereicht. Im Rahmen der Recherche zu den einzelnen Filmen und deren Autoren haben wir festgestellt, dass es sich nicht um Beiträge von 18 verschiedenen Filmern sondern teilweise um die gleichen Filmer handeln dürfte. Léa Lanoë, Pierre Borel, John Chargesheimer und Marcello Duchamp dürften weitgehend Alias-Namen sein, hinter denen sich deutlich weniger Einzelpersonen verbergen. Auch Kuesti Fraun dürfte ein Künstlername sein.

Bei der Bewertung haben wir in den einzelnen Kategorien Schulnoten vergeben und diese dann gewichtet und gemittelt und so schließlich den Gewinner in der Kategorie „Bester Film“ ermittelt. Dabei sind die Bewertungen für die Filmidee mit 40 Prozent, die Kameraführung zu 30 Prozent, die Nachbearbeitung mit 20 Prozent und für den Ton zu 10 Prozent ins Endergebnis eingegangen.


1

Maestrale

Thomas Knüppel

Maestrale, zu deutsch „Mistral“ ist ein starker Fallwind, der von Frankreich aus aufs Mittelmeer bläst. In dessen Böen gerät die Mannschaft des Motorseglers Toni. Manövrierunfähig treiben sie eine Nacht lang auf dem Meer zwischen dem italienischen Festland und Sardinien. Was hätte man aus dieser Geschichte nicht alles machen können? – Eine dramatische Dokumentation über die Gefahren des Meeres oder ein Seglerdrama, im Stile von Robert Redfords „All Is lost“. Der Filmautor, offensichtlich neben seinem Vater selbst Mitglied der Crew, hat sich für eine sehr persönliche und zurückhaltende Variante entschieden. Er erzählt die Geschichte, die mit der Anreise nach Italien beginnt, aus der Ich-Perspektive. Die Stilistik des Kommentars erinnert an Gedanken, Tagebucheinträge, manchmal an auch an biblische Texte. Schon im Prolog wird klar, dass es unaufhaltsam einer Katastrophe entgegengeht. Geschickt eingestreute Original-Sprachfetzen und die der Musik immer wieder beigemischten Geräusche sorgen für eine kaum zu ertragende Authentizität. Fast schon möchte man als Zuschauer den Ich-Erzähler warnen, dumm nur, dass man nicht so recht weiß, wovor. Die Bilder wirken assoziativ, fast schon beliebig. Doch bei genauer Betrachtung fällt auf, dass jede einzelne Einstellung die Geschichte weiterbringt. Von wenigen Ausnahmen abgesehen, verzichtet die Kamera darauf, den handelnden Personen ins Gesicht zu blicken. Auch als die Geschichte ihrem Höhepunkt entgegengeht, bleibt die Kamera distanziert und gibt keine Emotionen der Protagonisten preis. Was genau geschieht, bleibt im Dunklen und das nicht nur auf der Leinwand. Der Zuschauer erfährt es erst über ein Schriftinsert vor dem Abspann. Spannung bis zur letzten Sekunde ist garantiert. Auch danach bleibt reichlich Raum fürs eigene Kopfkino – Rundum sehenswert!


2

A Window on the World

Tarik Gogic

Mit einfühlsamen Worten erzählt eine männliche Off- Stimme von ihrer Beziehung zur Protagonistin des Films. Obwohl auf visueller Ebene von der ersten Sekunde an offensichtlich, kommt man als Zuschauer erst nach einiger Zeit dahinter: Es ist nicht der Freund, der hier spricht, sondern eine Brille. Sie ist für die Protagonistin das Fenster zur Welt – zumindest für eine gewisse Zeit, denn nichts währt ewig. Bei diesem Film stimmt quasi alles: Die Idee und deren geschickte dramaturgische Umsetzung, bei der zunächst unklar bleibt, wer der verliebt klingende Sprecher eigentlich ist; die emotional aufgeladene Stimmung, hervorragend unterstützt durch den bewussten Verzicht auf Original-Ton in Verbindung mit einer romantisierenden Klaviermusik und natürlich der überraschende Plot-Point am Ende des Films. Schnitt und Kamera sind betont ruhig und harmonieren außergewöhnlich gut miteinander. Die Einstellungslänge ist für heutige Sehgewohnheiten recht lang, zumal ab und an große Teile des Bildes außerhalb der Schärfe liegen. Aber gerade das ist es, was den besonderen visuellen Reiz des Films ausmacht. Immer, wenn es bildlich um das Fenster zur Welt geht, kommen eine dezente Handkamera oder kaum wahrnehmbare Kamerabewegungen zum Einsatz. Leider wurde dieses schöne Konzept nicht konsequent durchgezogen – an einigen Stellen, etwa während die Protagonistin schreibend auf dem Bett sitzt, fragt man sich, warum hier ohne dramaturgischen Grund auf die ruhige Bildanmutung verzichtet wurde. Das ist schade, denn bei stimmiger Nutzung dieses Stilmittels hätte es vermutlich zu weitaus mehr als der besten Kameraführung gereicht.


3

Senicide

Léa Lanoë

Senicide ist kein Film im klassischen Sinne, sondern eher eine filmische Echtzeit-Performance: Ein skurril anmutender Präsentator (Vinzenz Mell) sitzt voreinem schlichten Studiohintergrund an einem Tisch. Er erzählt die traurige Geschichte eines alten Inuit- Ehepaars: Der Mann ist krank. Deshalb bittet er seineFrau, ihn zum Sterben aufs Eis zu begleiten. Obgleich des ernsten Hintergrundes könnten das recht langweilige sieben Filmminuten werden. – Werden es aber nicht! Was zunächst mit einer in die Kamera gehaltenen Landkarte und einigen Fotos beginnt, entwickelt sich sehr schnell zu einem Happening, vorrangig auf der akustischen Ebene: Allerlei Gegenstände und eine Reihe von Lebensmitteln dienen als Requisiten, um die Erzählung mit passenden Sounds anzureichern. Auch wenn nicht wirklich alles, was auf der Audiospur zu hören ist, tatsächlich live im Studio aufgenommen wurde, gereicht das Ergebnis doch jedem Profi-Geräuschemacher zur Ehre. Die in der Nachbearbeitung hinzugefügten Töne passen sich nahtlos nicht nur in die Tonspur, sondern auch in das Geschehen vor derKamera ein: Als Zuschauer ist man tatsächlich geneigt zu glauben, dass das Wedeln mit einem Lappen ein Geräusch erzeugt, das klingt, wie der Wind über dem Schelfeis. Viele der zum diesjährigen videofilmen-Award eingerechten Filme nutzen die emotionalisierende Wirkung der Tonspur zur Unterstützung des Bildes. Senicide aber funktioniert genau umgekehrt – hier ist die Audiospur der Star!


4

Eiland

Chris Brandl

Leider wurde die Genehmigung zur Veröffentlichung dieses Filmes durch den Urheber zurückgezogen, deswegen können wir Ihnen diesen Film hier nicht zeigen.  

Eiland ist einer der wenigen humorvollen Beiträge im Wettbewerb: Ein Kinderdrachen hat sich an einer Eisenstange verfangen; ein Mann versucht ihn zu bergen. Mehr muss und darf man zu dieser Story nicht schreiben, ohne zu viel vorweg zu nehmen. Was als erstes auffällt, ist das Bildseitenverhältnis – gedreht wurde im Hochformat. Es ist gut möglich, dass es zwingend notwendig war, um an den Seiten nicht zu viel zu verraten, aber selbst wenn: Es passt. An der Kamera wurde eine deutlich kürzere Belichtungszeit verwendet, als gemeinhin üblich. Das führt zu einer leicht eckig wirkenden, roboterhaften Bewegungsdarstellung. Normalerweise stört so etwas, hier sorgt es für einen Comic-Charakter, der nicht direkt ins Auge fällt, aber trotzdem die Geschichte unterstützt. Der Darsteller erinnert an ein Model aus einem bekannten Katalog für Berufskleidung, hätte aber besser nicht ausgewählt sein können. Die schauspielerische Leistung überzeugt. Überzeugend ist auch das akustische Leitmotiv – eine kurze gepfiffene Melodie. Sie taucht wie eine Klammer am Anfang und am Ende auf, und ohne sie wäre die Pointe nur halb so gut. Schade nur, dass man sich beim Ton nicht ein wenig mehr Mühe gegeben hat: Neben zahlreichen Atmo-Sprüngen wird das Mikrofon immer wieder vom Wind zugeblasen, so dass es unangenehm blubbert. Das Rauschen des Windes ist der Geschichte zuträglich, weil es die Höhe der Stange erzählt, nur eben nicht so. Trotz dieses kleinen Mankos: Absolut anschauenswert!


5

Mothman

Rafael Peiß

Es gibt wohl nur wenige filmbegeisterte Jugendliche, die sich nicht mindestens einmal an einem Horrorfilmversucht hätten. Dieses Mal geht es um Mothman, eine Art Teufel mit Engelsflügeln. Seit den 1960ger Jahren geistern Sichtungen des Mottenmannes gelegentlich durch die amerikanische Presse. 2002 gab es sogar einen Film mit Richard Gere in der Hauptrolle. Regisseur Rafael Preiß lässt seinen Mothman auf einen Jugendlichen los, dessen Eltern im Theater sind. Der Junge nimmt sein Abendessen auf dem Speicher ein und findet dabei praktischerweise ein altes Buch, das ihn über das drohende Ungemach aufklärt. Nun, über Sinn und Logik kann man bei diesem Genre nicht wirklich diskutieren, und es ist auch nicht die Story, die den Film interessant macht. Obwohl unter Available- Light Bedingungen aufgenommen, gelang es, eine düstere Atmosphäre zu schaffen, die der Phantasie des Zuschauers Raum lässt. Den Kniff, den Peiß dabei anwendet, nutzen Horrorfilmregisseure schon seit den Anfängen des Kinos: Wichtige Handlungselemente finden im Schatten statt, während beleuchtete Bildbereiche das Auge des Betrachters fehlleiten. Bei Hollywood-Streifen von heute ist diese Vorgehensweise aus der Mode gekommen, schließlich soll man die Trickeffekte gut sehen, selbst wenn der Grusel dabei ein wenig auf der Strecke bleibt. Bei den Effekten und dem Grading von Mothman fällt die Detailverliebtheit auf, mit der selbst für die Handlung unwesentliche Details, wie der Strahl einer Taschenlampe, genre-gerecht bearbeitet wurden. Naturgemäß sind die 3D-Animation längst nicht so ausgefeilt, wie die der amerikanischen Vorbilder. Trotzdem, dank geschickt gesetzter Schatten, und einem Schnitt-Timing, bei dem das Bild wechselt, bevor man die Einstellung als Tricksequenz entlarvt, erfüllen sie ihren Zweck – vielleicht sogar besser, als bei so mancher Hollywood- Produktion: Ein Film, den man sich am besten mit einer Tüte Popcorn im Heimkino anschaut.


6

Faces

Jan Kellermann

Kann man einen fast siebenminütigen Film drehen, der ausschließlich Gesichter zeigt und trotzdem nicht langweilig wird? – Jan Kellermann ist genau das gelungen, fast. Wer eine Abfolge perfekt retuschierter Beauty-Portraits erwartet, wird enttäuscht. Es sind ausgesprochene Charakterköpfe, ungeschminkt und auf Grund der relativ weitwinkligen Brennweite nicht einmal besonders vorteilhaft fotografiert. Doch gerade deshalb und durch die häufigen Blicke direkt in die Kamera kommt man den Menschen sehr nah.Um die Nähe nicht penetrant werden zu lassen, entschied sich der Filmemacher zurecht für eine Schwarzweiß-Umsetzung mit relativ starken Kontrasten. Der Off-Kommentar stellt in wenigen Worten individuelle Charakterzüge der Gesichter vor und bringt sie in einen übergeordneten Kontext. Die stimmige Musikauswahl und mehrere Tempiwechsel, die durch den Bildschnitt virtuos unterstützt werden, sorgen für eine abwechslungsreiche Dramaturgie. Der Abspann wird von zahlreichen Making-Off- Bildern unterbrochen. Hier sind zum ersten Mal Stimmen zu hören. Ein genialer Einfall, denn auf diese Weise wird der Zuschauer nicht nur nachdenklich, sondern zusätzlich mit einem rundum positiven Bauchgefühl entlassen. Leider ist dieser Einfall auch das Hauptmanko des Films: Mit über einer Minute ist dieser Part erheblich zu lang geraten.


7

Ben

Kuesti Fraun

Ben ist ein typischer künstlerisch ambitionierter Experimental-Kurzfilm, der von einem einzelnen Einfall geprägt wird und ohne eigene Dramaturgie daherkommt: Wir sehen einen Mann, der offenbar hinter einer Straßenbahn herläuft. Das hochkontrastreiche Schwarzweißbild sieht aus, als sei es in der Frühzeit des Films entstanden. Parallel dazu hört man den Originalmitschnitt von Ben Johnsons Weltrekordlauf über 100m aus dem Jahr 1988. Die Idee birgtzugegebenermaßen eine gewisse Originalität. Doch reicht das aus? Filme dieser Art entziehen sich der Bewertung nach klassischen filmtechnischen oder filmgestalterischen Kriterien. Ben ist ein künstlerisches, vielleicht sogar philosophisches Statement, in das man vieles hineininterpretieren kann, wenn man denn möchte. Sicherlich wäre es interessant, mit dem Filmemacher über sein Werk zu diskutieren. Für sich allein betrachtet sorgt Ben nur für das Eine: Der Zuschauer bleibt ratlos zurück.


8

Moments

Laura Vogt

Selfi-Videos sind fester Bestandteil der heutigen Jugendkultur. Sie sind fröhlich, sprühen nur so vor Lebensfreude und zeichnen ein rosarotes Bild vom Umfeld der meist weiblichen Macher. Moments ist auch ein collagen-artiges Selfi-Video. Es entspricht allerdings ganz und gar nicht dem Klischee: Die Stimmung ist bedrückend; man sieht eine von Trauer und Zweifeln geplagte junge Frau. „If you were here I would show you...“ („Wenn Du da wärst, würde ich Dir zeigen ...“), dieser Satz ist so etwas wie das Leitmotiv des Films. Als Zuschauer vermutet man unwillkürlich, dass es wohl der Freund sein muss, der auf diese Weise angesprochen wird. Wer der wirkliche Adressat ist und warum er das Video niemals zu Gesicht bekommen wird, erfährt man erst am Schluss durch eine dezente Texteinblendung. Und dann bleibt der Zuschauer mit der schockierenden Erkenntnis allein. Moments gehört zu der Sorte Film, bei der man sich fragt, ob er inszeniert ist oder die Realität zeigt. Sicher ist, zahlreiche Aufnahmen lassen sich nicht so einfach stellen, etwa, wenn ein Hagelschauer zum Badfenster hereinbricht. Sicher ist auch, dass es visuelle Anspielungen auf den Adressaten gibt. Man findet sie erst, wenn man das Ende kennt und den Film zum zweiten oder dritten Mal anschaut. Das muss inszeniert sein. Laura Vogt macht es ihren Zuschauern alles andere als leicht, bis zum Abspann durchzuhalten. Wer sich aber auf den Film und seine Protagonistin einlässt, erkennt, wie intelligent die zahlreichen Versatzstücke miteinander kombiniert wurden.


9

Augenblick

Roland Powik

Protagonist des Films ist ein Teenager, vielleicht 17 oder 18 Jahre alt. Sein Leben verläuft langweilig, trist und freudlos. Doch plötzlich, völlig unerwartet, kommt es zu einer Begegnung, die für einen Augenblick Farbe in sein Leben zaubert. Der Film ist durchgängig in Schwarzweiß gehalten, erst im entscheidenden Augenblick kommt ein wenig Farbe ins Spiel. Die Tristesse, in der der Jugendliche lebt, wird relativ ausführlich und langatmig dargestellt. Für jemanden, der die Schnelligkeit moderner Sehgewohnheiten verinnerlicht hat, ist das nur schwer zu ertragen. Aus künstlerischer Sicht ist die Entscheidung richtig, denn so befindet sich der Zuschauer in einer ähnlichen Situation wie der Jugendliche auf dem Bildschirm. Technisch wie gestalterisch schön umgesetzt ist die Visualisierung der Langatmigkeit: Statt mehrere, immer gleiche Aktionen hintereinander zu ketten, erscheint der Protagonist wie von Geisterhand an verschiedenen Stellen des Bildes. Optimierungspotential besteht bei der Audiomischung. Der Übergang von Originalton zur Musik ist reichlich hart und die Musik eine Nuance zu laut. An einigen Stellen hätten zusätzlich isoliert eingeblendete Geräusche (etwa das Klappern der über den Boden scheppernden Gertränkedose) die triste Stimmung noch verstärkt. Thematisch könnte der Film auch im Deutsch-Leistungskurs einer gymnasialen Oberstufe entstanden sein, und das nicht allein wegen des Tucholsky-Zitats, mit dem er endet. Man wird das Gefühl nicht los, dass man das irgendwo schon einmal so oder so ähnlich gesehen hat. Das ist aber kein Grund, ihn nicht trotzdem anzuschauen.


10

Open Your Eyes

Nadezda Chizhik

Wohl kaum ein Film setzt das Wettbewerbsthema so wörtlich um, wie „Open Your Eyes“: Eine Frau, vielleicht eine Studentin, muss in einigen Tagen einen Text abliefern. Betroffen von einer Schreibblockade, übergeht sie die sich bietenden „Magischen Alltagsmomente“. Der Wandel kommt, als sie den Zug verpasst. Noch auf dem Bahnsteig wirft sie die nun nutzlos gewordenen Texte weg. Plötzlich fühlt sie sich offen für die magischen Momente des Lebens. Vermutlich steht die Regisseurin noch am Anfang ihres Filmschaffens, vielleicht ist es sogar ein Erstlingswerk. Trotzdem nutzt sie bereits zahlreiche klassische Stilmittel: So arbeitet sie mit einem Wechsel aus monochromen und farbigen Bildern sowie mit einer ausgeprägten Symbolik (etwa als die junge Frau den Baum umrundet). Leider lief die Kamera im 50i- oder 50p-Modus. Der daraus resultierende Live-Charakter passt so gar nicht zur gewählten szenischen Umsetzung. Schön angewandt ist das dramaturgische Mittel der Klammer: Am Anfang, als auch am Ende des Films sehen wir die junge Frau am Schreibtisch sitzen. Hierdurch bekommt der Zuschauer ihre Veränderung besonders eindrucksvoll vor Augen geführt. In der Gesamtheit betrachtet, besitzt die Geschichte und deren Umsetzung zahlreiche dramaturgische Schwächen. Viele davon ließen sich kaschieren, wenn der Film – bei gleichbleibender Handlung – erheblich gekürzt würde. Positiv hervorzuheben ist die Nachbearbeitung. Bei genauem Hinschauen und -hören findet man zwar reichlich Verbesserungspotential. Nichtsdestotrotz ist es erstaunlich, wie zielgerichtet und gut die junge Filmemacherin die Möglichkeiten der Software nutzt. Übung macht den Meister – weiter so!


11

One Shot

Christian Schmidt

Der Film beginnt mit der eindrucksvollen Luftaufnahme eines norddeutschen Dorfes und einem zeitgerafften Flug in Richtung eines Bauernhauses. Es ist früher Morgen und noch dunkel. Im Haus wandert die Kamera zunächst auf Stofftiere zu und danach auf ein friedlich im Bett schlummerndes Kind. Die musikalische Untermalung und die Art der Lichtführung scheinen eindeutig – Stephen King lässt grü.en! Was wie ein Gruselfilm beginnt, entpuppt sich als rührende Geschichte über ein junges Mädchen auf der Suche nach dem „One Shot“, dem einen, optimalen Foto. Eine sehr nahe Umsetzung unseres Wettbewerbsthemas. „One Shot“ begeistert durch eine gekonnte Kamera- und Lichtführung, die den Stil des Mainstream- Kinos sehr genau trifft. Sinngemäß gilt das auch für das Grading und die Tonbearbeitung. Selbst Originalgeräusche, die leider bei vielen Filmemachern zu Unrecht unter den Tisch fallen, sind an passender Stelle zu hören. Vor allem aber besitzt Christian Schmidt die Gabe, sehr genau hinzusehen und dabei symbolträchtige Großaufnahmen zu finden. Auch die Art und Weise, wie er mit Hilfe von Bildauswahl, Schnitt oder – wie beim Wecker – mit einem minimal vorgezogenen TonZeitsprünge visualisiert, ist klasse! Abgesehen vom überraschenden Wandel vom Horror- zum Jugendfilm, verläuft die Geschichte weitgehend linear. Ohne die drohende Gefahr eines Scheiterns gibt es allerdings keinen Grund, mit dem Mädchen mitzufiebern. Der Zuschauer bleibt emotional unbeteiligt. Das ist schade, denn die Idee hätte durchaus Potential für eine Umsetzung nach dem Prinzip einer klassischen Heldenreise. Für sein nächstes Filmprojekt sei Schmidt empfohlen, eine bereits existierende Kurzgeschichte als Grundlage zu nehmen oder sich mit einem Autor zusammenzutun – Film ist schließlich Teamarbeit! Dann könnte das Ergebnis beim nächsten videofilmen Award preisverdächtig sein.


12

Alltag

Pierre Borel

Wenn es um die Stationen geht, die Pierre Borel zeigt, ist „Alltag“ alles andere als alltäglich. Oder urinieren Sie regelmäßig in einen Putzeimer? Liest man den Titel hingegen als „All-Tag“, also im Sinne von „jeden Tag“, dann lässt sich das Video durchaus als Spiegel einer Leistungsgesellschaft interpretieren: Aufstehen, waschen, Geld verdienen, essen, trinken, schlafen, aufstehen … – das ist der Rhythmus, nach dem alles funktioniert und der sich fortlaufend steigert. Dem Zuschauer verlangt das ohne Zweifel gut gemachte Video einiges an Geduld ab. Jede auch noch so kleine Abwechslung, sei es im Bild oder in der Schnittfolge, wird zum Ereignis. Das dürfte vom Regisseur durchaus beabsichtigt sein. Borel zeigt alles unkommentiert ohne Musik, lediglich vertont mit ausgewählten Geräuschen; und die klingen etwas schwachbrüstig: Eine gewisse Überzeichnung der an sich sauber aufgenommenen Töne wäre dem Film sicher dienlich gewesen. Zumal die Bilder mit sehr viel Symbolkraft daher kommen, die durch den Schnittrhythmus weiter gesteigert wird. Da es keinen Höhepunkt gibt und das Ende willkürlich gewählt scheint, lässt sich das Video nicht in üblicher Weise konsumieren. Es bedarf immer einer Diskussion, die es in einen größeren Kontext stellt. Es könnte gut Bestandteil einer umfangreicheren Kunstinstallation sein.


13

Die letzte Rose

Günter Buchner

Herbstliche Naturbilder, Menschen unterschiedlichen Alters in einem Park und natürlich eine rote Rose, das alles untermalt mit romantischen Melodien, u.a. „The Last Rose Of Summer“, vermutlich in einer Interpretation von André Rieu. Das ist es, was uns Günter Buchner präsentiert. Die Landschaftsbilder haben die Qualität hochwertiger Postkarten. Sobald Menschen ins Bild geraten, beweist der Filmautor seine gute Beobachtungsgabe. Die Kamera wird dabei niemals aufdringlich und wahrt einen respektvollen Abstand. Während ein Großteil des Films nur mit Musik unterlegt ist, setzt Buchner an ausgewählten Stellen auf zusätzlich eingespielte Geräusche: Das Plätschern des Wassers oder das Geläut einer Kirche. Diese Stellen wirken wie kleine Höhepunkte und lassen Raum zur Interpretation. Bei der titelgebenden Rose setzt der Filmautor auf das Stilmittel der Klammer, indem er sie am Anfang und am Ende zeigt. Ohne Zweifel ist der Film schön anzusehen, aber weniger wäre mehr: Ein Zusammenschnitt der optischen Highlights und die Beschränkung auf das eine, titelgebende Musikstück würde das Ergebnis deutlich aufwerten. Nicht unter den Tisch fallen dürfen die symbolhaften Bilder; die alte Frau mit dem Rollator, das junge Liebespaar oder die Bäume mit der dahinter versteckt liegenden Kirche. Vielleicht wäre es sogar gut, wenn die Rose am Ende des Films an einem Grabstein niedergelegt würde. Das mag man als plakativ empfinden. Unter Berücksichtigung der bereits jetzt vorhandenen Symbolik würde es dem Film eine Geschichte verleihen. In der derzeitigen Form ist es nur ein meditatives Musikvideo unter vielen.


14

Die Kunst der Unterhaltung

Marcello Duchamp

„Ja, nein, doch, nein ...“, in der Formulierung solcher Gegensätzlichkeiten besteht die Kunst der Unterhaltung, zumindest wenn es nach Marcello Duchamp geht. Sein Film zeigt verschiedene Gegenstände in Alltagssituationen: Ein Döhner-Drehspieß hinter einer Glasscheibe, ein altmodischer Stuhl, leere Kaffeetassen und vieles mehr. Die Bilder strahlen Beliebigkeit aus; man hat nicht den Eindruck, dass der Kameramann sich besondere Mühe gegeben hat. Das könnte allerdings zum Konzept gehören, denn die Stimmen, die die Bilder in immer gleicher Weise kommentieren und dabei gegensätzliche Auffassungen vertreten, scheinen nicht weniger austauschbar. Genau so gelangweilt, wie der Tonfall der Sprecher, ist nach kurzer Zeit der Zuschauer. Sehr schnell hat man das Prinzip verstanden und wartet auf das Ende. Gut möglich, dass der Filmemacher genau diese Reaktion provozieren wollte und das Video als Metapher sieht, denn auch im Alltag sehnt man sich bei so manch belangloser Konversation deren Ende herbei. Als Bestandteil einer Kunstinstallation oder einer thematisch passenden Ausstellung kann man sich das Video sehr gut vorstellen. Für sich alleine genommen, ist es nur schwer zu ertragen.


15

Der Beweis

Hans-Jürgen Schnabel 

Der Filmautor weilte offenbar kürzlich in Schottland und war nach eigenem Bekunden „zur rechten Zeit am rechten Ort“. Er persönlich habe das „Problem Nessie“ gelöst und liefere mit seinem Film den Beweis. Irgendwie spielt auch der Brexit eine Rolle. Welche genau, erschließt sich weder dem geneigten Zuschauer, noch dem Autor selbst. Dieses Problem sei ungelöst, wie er auf einer Texttafel schreibt. Das erste Drittel des Films besteht ausschließlich aus Texteinblendungen. Leider ist die modern anmutende Schriftart nur schwer zu lesen und passt so gar nicht zum eher traditionell gestalteten Hintergrund, einer stilisierten Distel. Der Off-Kommentar ist sehr geschickt geschrieben und gut gesprochen, das muss man dem Filmemacher positiv anrechnen. Schade nur, dass man darauf eine gute Minute warten muss. Doch nach dem ersten Satz ist man neugierig: Was wohl gleich passieren mag? Bei Bildgestaltung und Schnitt gibt es erhebliches Verbesserungspotential. Es reihen sich Totale an Totale, teilweise mit sehr ähnlichem Inhalt, so dass das Bild springt. Einige dazwischen geschnittene Großaufnahmen – der leichte Wellengang am Rande des Sees, das eine oder andere halb vermoderte Treibgut – hätte nicht nur die Bildsprünge verhindert, sondern auch zum Spannungsaufbau beigetragen. Neben der mageren Geschichte ist das Hauptproblem des Films sein Titel: Er nimmt das Ende vorweg, und das ist ungefähr so spannend wie ein Krimi, bei dem man den Mörder schon nach dem Vorspann kennt.


16

Esperando a Huayra Tata

John Chargesheimer

Huayra Tata, der Vater des Windes war eine Gottheit, die von indigenen Völkern der Andenregion verehrt wurde. Sie soll von menschlicher Gestalt gewesen sein, jedoch zwei Köpfe besessen haben. In „Warten auf Huayra Tata“ sehen wir zwei Männer mit weißen Gipsmasken, die in einer Steinwüste lagern. Nachts wärmt ein Lagerfeuer, tagsüber brennt die Sonne vom Himmel. Einer der Männer ist bis zur Hüfte im Sand eingegraben und scheint leblos. Irgendwann lässt der zweite seinen Freund zurück und begibt sich auf einen langen Weg durch die sengende Hitze. Das Grading erinnert an den Rotton farbstichig gewordener Filmrollen. Daneben gibt es nur noch den intensiv blauen Himmel. Auf diese Weise geht jeglicher Realismus verloren, was dem Thema sehr angemessen erscheint. Die Hitze ist dank eindrucksvoller Fotografie regelrecht spürbar. Die nächtlichen Aufnahmen, beleuchtet ausschließlich vom Schein des Lagerfeuers, bleiben qualitativ aber weit dahinter zurück. Klar, am Drehort gab es vermutlich keinen Strom, doch eine kleine Batterieleuchte als Gegenlicht hätte hier Wunder gewirkt. Der Film ist langatmig, in Teilen sogar langweilig. Abgesehen vom Stilmittel der Klammer, in Form der nächtlichen Lagerszene, gibt es keine klassische Erzählstruktur. Trotzdem besitzt er eine besondere Atmosphäre, die nur schwer zu beschreiben ist – aber sehen Sie selbst!


17

Riten und Mythen

Rudolf van der Tang

Leider wurde die Genehmigung zur Veröffentlichung dieses Filmes durch den Urheber zurückgezogen, deswegen können wir Ihnen diesen Film hier nicht zeigen.  

Ein kleines Dorf irgendwo in der deutschen Provinz. Hier lebt eine offensichtlich alleinstehende ältere Dame. Ihr Tagesablauf liegt in einem Spannungsfeld zwischen Alltag und katholischem Glauben. Was zunächst nach einer Dokumentation fürs Kirchenmagazin klingt, entwickelt sich schnell zu einem – ja zu was eigentlich? Spätestens, wenn der in einem weißen Bademantel auftretende „Illusionist“ der Dame Streiche spielt, schlägt jede genremäßige Zuordnung fehl. Der Filmemacher versucht sich an zahlreichen klassischen Stilmitteln, etwa der Parallelmontage. Es gibt ein wiederkehrendes Leitmotiv: Eine Porzellanuhr, die wohl den fortschreitenden Tagesablauf symbolisieren soll. Und selbst Matchcuts fehlen nicht: Etwa, wenn von einer rituellen kirchlichen Fußwaschung umgeschnitten wird in die Küche, wo die Dame ein Fußbad in Bier nimmt. Mitunter geht es recht skurril zu, z.B. wenn ein Bierkasten mit daraufliegendem Ostergesteck mit Hilfe einer Spülbürste gesegnet wird. Ohne Zweifel, der Filmemacher hat Ideen, bei der dramaturgischen wie technischen Umsetzung gibt es jedoch erheblichen Nachholbedarf. Warum sind so viele Einstellungen nur als Standbild zu sehen? – In Anbetracht der sonstigen Kameraführung kann man vermuten, dass das Originalbild vielleicht zu verwackelt gewesen sein mag oder die Kamera schlicht und einfach nicht lange genug lief. Beim Schnitt, egal ob Bild oder Ton, fühlt man sich in vordigitale Zeiten versetzt, als Filme noch im Überspielbetrieb mit zwei Videorecordern zusammengehackt wurden. Und warum wurde der Illusionist an verschiedenen Stellen per Chroma-Key eingefügt, obwohl ein Realdreh zum gleichen Bildergebnis geführt hätte? Fragen über Fragen – eine Diskussion mit dem Filmemacher wäre sicherlich lohnenswert.


18

Der Fluss

Gerd Ringat

Was Gerd Ringat will, schreibt er gleich zu Beginn in einer Art Vorwort: Man möge sich von der Ruhe der Bilder leiten lassen, sich entspannen und so seinen ganz persönlichen magischen Augenblick finden. Den Anspruch mag man als gering oder seicht empfinden, er ist absolut legitim. Ob der Film diesem wohl gerecht wird? Die Bilder sind ordentlich kadriert, was stört, sind die Artefakte der elektronischen Bildstabilsierung und die extreme, künstlich wirkende Schärfe – ein Stativ und die Veränderung der Detail- Settings im Kameramenü würden hier Wunder bewirken. Visuell wünscht man sich die eine oder andere Großaufnahme, vielleicht sogar aus der Froschperspektive: Ein Tropfen, der von einem Blatt perlt, Wasser, das spritzend auf einen Stein trifft; die Möglichkeiten, die das Motiv bietet, wurden vom Kameramann nicht einmal ansatzweise ausgereizt. Das Geräusch des Wassers klingt, als sei es in der Aquariumabteilung einer Zoohandlung aufgenommen. Überhaupt ist die fehlende Audiobearbeitung das Hauptmanko: Man muss schon hart im Nehmen sein, um bei einer Tonkulisse aus Straßengeräuschen und Fluglärm die angestrebte Ruhe zu finden. Eine passende Musik und der völlige Verzicht auf den Originalton würde den Film erheblich aufwerten. Dem Autor sei empfohlen, das Werk noch einmal zu überarbeiten. Danach wäre er überrascht, welch große Wirkung schon kleine Änderungen haben.