Faszination des Augenblicks

Zeitraffer: Dramaturgie und Technik

Quelle: Christian Schnalzger

Man braucht weder einen speziellen Camcorder noch exotische Motive – nur Zeit: Das Stilmittel der Zeitraffung macht Ereignisse offenbar, die das Auge nicht erfassen kann.

Zugegeben, es dauert zwei, drei Gedanken, um der technischen Möglichkeit des Zeitraffens einen dramaturgischen Sinn abzugewinnen. Welche Bewegung eignet sich denn schon dazu »verschnellert« zu werden? Eine Zeitlupe mag ja reizvoll sein, selbst bei trivialen Handlungen, weil sie eine Art Detailaufnahme einer Bewegung eröffnet – wenn auch nicht perspektivischer, sondern chronologischer Natur. Hochgeschwindigkeit dagegen – die würde man sich in der Bahn sitzend wünschen. Überall sonst gibt es Hektik genug. Außer Klischees, wie der zur Plattitüde verkommenen, sich in Sekunden auffaltenden Blüte, ist dem Zeitraffer kaum etwas abzugewinnen. Dabei ist Zeitraffung mehr als eine Spielerei und technisch ziemlich aufwändig. Der Raffungseffekt entsteht schließlich durch Intervallaufnahmen. In festen Abständen wird ein einziges Bild des Motivs belichtet. Hintereinander abgespielt ergibt sich durch die bekannte Trägheit des Auges der Eindruck eines fließenden Films. Mit einem Bandcamcorder mit rotierenden Videoköpfen indes lässt sich kein Einzelbild störfrei aufzeichnen. Selbst hochwertige Geräte brauchen mindestens 0,2 Sekunden Dauerlauf, das sind fünf Bilder. Spielt man eine Collage solcher Bildsequenzen ab, kriegt man allenfalls ruckelndes digitales Daumenkino.

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