fokussiert erzählen

Schärfentiefe bedacht einsetzen

Nach der Epoche grenzenloser Schärfentiefe aus Camcordern kam jene der uferlosen Unschärfe aus filmenden DSLRs.

(Bildquelle: Christian Schnalzger)

Nach der Epoche grenzenloser Schärfentiefe aus Camcordern kam jene der uferlosen Unschärfe aus filmenden DSLRs. Wir wollen das gewaltige erzählerische Potenzial beim Umgang mit Schärfentiefe herausarbeiten und vertiefen.

Schärfentiefe ist ein Phänomen der Optik und kein Effekt wie etwa farbige Filter. Sie lässt sich wie jedes optische Phänomen aber natürlich kreativ einsetzen. Um das mit Umsicht tun zu können, hilft ein Grundverständnis, wie sie funktioniert. Aufgabe eines Objektivs ist, ein Abbild eines realen Objekts zu projizieren auf eine Oberfläche wie der Mattscheibe einer Camera Obscura, Zelluloidfilm oder dem Bildwandler eines Camcorders. Die maximale Abbildungsschärfe des Objektivs wird dabei immer nur in einer einzigen Entfernung erreicht. Um diese Entfernung zu verändern, werden mechanisch Glaslinsen des Objektivs verschoben. Nichts anderes ist Fokussieren.

Motive in einer anderen als der anfokussierten Entfernung erscheinen mehr oder weniger unscharf. Diese Unschärfe ist graduell – ein gewisser Bereich vor und hinter der anfokussierten Entfernung wird uns noch ebenso scharf erscheinen wie diese, weil die tatsächliche maximale Abbildungsschärfe in der Praxis begrenzt ist von den Glaslinsen und der Konstruktion eines Objektivs, und von der begrenzten Auflösung eines bewegten, komprimierten Videos.

Etwas weiter von der anfokussierten Entfernung weg liegende Objekte dann werden uns leicht unscharf erscheinen, doch wir können sie noch problemlos identifizieren. Noch weiter entfernt liegende Objekte erscheinen bloß noch schemenhaft; extrem weit von der anfokussierten Entfernung weg liegende Objekte dagegen verschwimmen zu einem bunten Brei. Diese Möglichkeit, Uninteressantes zu „Brei“ verschwimmen zu lassen, haben wir bei Camcordern über Jahrzehnte vermisst, weil ihre kleinen Bildwandler für weitwinklige Bildwinkel Objektive mit extrem kurzer Brennweite bedingt haben, welche eine extrem große Schärfentiefe aufweisen.

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