Independent-Film auf Erfolgskurs

Der Independent-Film "Air No. 3" ist seit dem 01.06.15 amortisiert

Der Independent-Film "Air No. 3" ist seit dem 01.06.15 amortisiert

Independent-Film "Air No. 3" auf Erfolgskurs. Foto: openpot Media

Der Independent-Film 'Air No. 3' findet weitere Verbreitung. Filmemacher Benjamin Czycholl bezeichnet den Film seit dem 01.06.15 als amortisiert: "Wir konnten die Aufwendungen für Sach- und Betriebsmittel für die Produktion durch die Einnahmen ausgleichen. Natürlich fehlen in der Rechnung die Arbeitszeiten, aber wir sind guter Dinge auch diese einzuspielen."

Bei der Herstellung, dem Vertrieb und dem Marketing des 2014 veröffentlichten Films geht Benjamin Czycholl mit seiner Firma openpot eigenwillige Wege. Der Film wurde komplett aus eigenen Mitteln finanziert. Also ohne die für die deutsche Filmbranche fast schon obligatorische Filmförderung. Die openpot Media vertreibt den Film selbst, ohne einen Verleihpartner. Das Marketing besteht bisher praktisch nur aus viral- und Guerillamarketingaktionen. "Es ist nicht so, dass wir die klassischen Wege nicht versucht hätten. Es hat sich jedoch gezeigt, dass die eigenen besser funktionieren. Wir sind im wahrsten Sinne 'Independent'.", erklärt Benjamin Czycholl.

Der Film selbst fügt sich in dieses Bild ein: Ein denkbar minimales Setting. Ein Protagonist in einem Raum als eigensinniger Held, der seine vier Wände nicht verlassen will. Nicht einmal zur Rettung der Welt vor einer mutmaßlichen Bedrohung Außerirdischer, zu der er neben anderen als Computerspezialist aufgefordert worden ist. Der trashig anmutende Plot entpuppt sich als solides Storytelling. Eine große spannend erzählte Geschichte an einem kleinen Schauplatz. "Wir wollten uns von dem kleinen Budget nicht dahingehend einschränken lassen, eine ebenso kleine Geschichte erzählen zu müssen. Und wenn die Geschichte spannend ist, gibt es auch wenig Grund in's obskure oder experimentelle abzudriften.", sagt Benjamin Czycholl dazu, der neben Regie und Produktion auch die Entwicklung des Drehbuchs durchgeführt hat.

Bei der Herstellung des Films wurde ausschließlich sog. Open-Source Software eingesetzt. Das sind Programme, die quell-offen z.B. von Online-Gemeinschaften entwickelt werden und die i.d.R. unter einen freien Lizenz stehen. Dazu Benjamin Czycholl: "Genau genommen ist das gar nicht so ungewöhnlich. Es sind eher die mittelgroßen Filmproduktionsfirmen, die mit proprietärer Software arbeiten. 'Linux' und entsprechende dafür entwickelte Anwendungen, sind bei großen Produktionsfirmen nicht nur ein Begriff, sondern werden auch oft von diesen selbst entwickelt. Auch wir haben für unsere Workflows Software geschrieben. Dafür ist eine freie, quell-offenen Umgebung natürlich ideal."

Die Produktion von Air No. 3 dauerte eineinhalb Jahre und wurde 2013 fertiggestellt. Es dauerte noch knapp ein weiteres Jahr bis der Film zum ersten Mal öffentlich vorgeführt werden konnte. "Nach der Fertigstellung hatten wir echte Schwierigkeiten den Film zu veröffentlichen. Wir konnten weder einen Verleiher als Kooperationspartner noch ein Filmfestival für die Premiere finden. Praktisch sämtliche deutschen Verleiher und Festivals haben unseren Film abgelehnt. Wir haben es dann im Ausland versucht und fanden prompt das internationale BUT Filmfestival in Breda, Niederlande, das unseren Film unbedingt zeigen wollte. Ein großartiges Festival für Filme, die ihren eigenen Weg gehen.", erzählt Benjamin Czycholl.

Nach der Veröffentlichung entschied die openpot Media - in Ermangelung an anderen Möglichkeiten - den Film selbst zu vertreiben. Den Film gibt es seitdem online auf der Film-Webseite als Download zu kaufen. "Ich war nicht der einzige, der erhebliche Zweifel hatte, ob wir so genügend Umsatz machen könnten. Außerdem waren auch der ein oder andere Kinobetreiber sauer, dass der Film so früh schon zum Kauf angeboten wurde, und nahm von einer Vorführung Abstand. Im Nachhinein betrachtet ist es aber ganz klar die richtige Vertriebsart für diesen Film.", kommentiert Benjamin Czycholl. Der Verkaufspreis für eine digitale Kopie ist vergleichsweise niedrig angesetzt. Dieser Umstand hilft sicher der Verbreitung, und ist Folge der Vorteile der kostengünstigen Produktion und des selbst verwalteten Vertriebs.

Anfang 2015 trugen dann erste Marketingaktionen Früchte. "In den ersten Monaten nach der Veröffentlichung haben wir praktisch überhaupt nichts verkauft. Es wurde schnell klar, dass ohne Marketing die Sache nicht in's Rollen kommen würde. Da wir nach der Produktion natürlich nicht plötzlich unmengen Geld für Werbung übrig hatten, mussten wir wieder kostengünstige Möglichkeiten erdenken.", erinnert sich Benjamin Czycholl. Als erstes wurde ein sog. ARG (Alternate Reality Game) entwickelt. Zielgruppe dieses Spiels waren technik- und rätselaffine Internetnutzer. Dabei ging es darum eine Reihe von Rätsel zu lösen, die letztendlich auf die Film-Webseite führten. "Um erst einmal eine sinnige Zahl von Spielern zu aktivieren, haben wir eine große Reihe von Servern von Betrieben, Institutionen und Schulen im Bereich IT mit einem mystisch aussehenden Code 'infiziert'. Wann immer ein aufmerksamer IT-ler seine Logs durchging, konnte er diesen entdecken und bei Interesse der Spur aus Rätseln folgen.", erklärt Czycholl. Nach kurzer Zeit waren eine beträchtliche Zahl von Spielern beteiligt, die sich u.a. in Internet-Foren über den Fortgang des Spiels austauschten. Es folgten weitere Marketingaktionen, alle mit einem mehr oder weniger technikinteressiertem Publikum.

Die wachsende Verbreitung des Films hat auch mit der Open-Source Veröffentlichung der Rohdaten vom 17.04.15 zu tun. In Anlehnung an Software die quell-offen veröffentlicht wird, hat die openpot Media die Rohdaten des Films Air No. 3 zur freien Verwendung für private und schulische Zwecke online bereitgestellt. Mit Rohdaten sind alle während der Produktion des Films aufgezeichneten und hergestellten Daten gemeint. "Mittlerweile haben wir schätzungsweise 2,9TB Daten verbreitet. Ich persönlich freue mich natürlich über jeden Privatanwender, aber vor allem über Lehreinrichtungen wie Universitäten, Akademien oder private Schulen, die unser Material für Übungszwecke an Ihre Studierende weitergeben. Auch wenn wir mit der Bereitstellung der Rohdaten nicht unmittelbar Geld verdienen, erhöht es doch die Aufmerksamkeit für unseren Film."