07.03.2017 | Ausgabe 03/2017

Editorial

Jugendsprache

Oliver Krüth, Chefredakteur videofilmen

Oliver Krüth, Chefredakteur videofilmen

Wer die Berichterstattung zur CES 2017 verfolgt hat wird festgestellt haben, dass Panasonic und Sony keine neue Armada von Camcordern vorgestellt haben. Einzig Canon hat ein wenig Hausputz betrieben – und die Full HD-Modelle etwas gepimpt. Allenthalben wird nun bereits das Lied vom Tod des Camcorders gesungen, sehr zum Leidwesen gestandener Filmer. Letztlich scheint diese Entwicklung aber folgerichtig, da die Verkaufszahlen seit Jahren rückläufig sind. Stirbt hier also ein Dino wegen eines Meteoriteneinschlags oder mangels Futter? Trotz Mangels an neuen Camcordern wird mehr gefilmt als zu besten Camcorder-Zeiten. Filmende Knipsen und vor allem die Unmengen an Smartphones haben den Platz des einstigen VW Golfs für Filmer eingenommen. Wenig beachtet wird dabei, dass das Filmen mit Smartphone neben der klassischen Grammatik des Films eine Art Jugendsprache des cineastischen Erzählens hervorgebracht hat, die sich bei Youtube & Co millionenfach betrachten lässt. Hüter des Heiligen Grals der Filmsprache werden vermutlich einwerfen, dass kaum ein Smartphone-Clip eine mit Subjekt, Prädikat und Objekt vergleichbare Struktur entwickle, wie sie Daniel Arijon, der Thomas Mann der Filmsprache, in seinem Klassiker skizziert hat. Dass Jugendliche über Youtube-Clips miteinander kommunizieren steht aber außer Frage. Ebenso steigt die Zahl jener Preisträger, die einen kompletten Spielfilm mit einem Smartphone erdreht und endproduziert haben. Stellvertretend sei „Tangerine“ genannt, der auf dem Sundance Filmfestival 2015 sein Debüt feierte und mit mehreren iPhone 5s gedreht wurde. Wenn also auch mit einem Smartphone – mit all seinen technischen Unzulänglichkeiten – Filme produziert werden können, die in der Hochsprache der Filmfestivals reüssieren, möchte man den Apologeten des Untergangs des Camcorder-Abendlandes mit Tim Renners These begegnen: Kinder, der Tod ist gar nicht so schlimm. Wer keine Camcorder kauft, darf sich letztlich auch nicht über deren Verschwinden beklagen.

oliver.krueth@videofilmen.de

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